TRAURIGE TROPEN

Volle Qypeehrlichkeit: Ich war da noch nicht , aber Willi war schon da. Das liegt fast 30 Jahre zurück, aber ich erinnere mich, dass er von seiner Einbaumfahrt im basilianischen Regenwald , eine Anekdote zu erzählen hatte.

Die ging so:
Der touristischen Einbaumfahrer machte in der Wildnis Pause, ergötzte sich an der überbordenden Natur und kam sich vollkommen einsam und einzigartig vor und dann kam plötzlich hinter dem Baum ein (Lehrer)kollege hervor und sagte: “Ha Willi, du bisch jo au do !”

Das ist die Geschichte zu dem Platz oder einem Platz in der Nähe dieses Platzes und die Geschichte der bildungs- und welteroberungshungrigen deutschen Deutschlehrer der 70er Jahre und der Einstieg zu einem Beitrag über Claude Lévi-Strauss ,der am 28.11.2008 hundert Jahre alt geworden ist (ER LEBT ! s.u. Kommentare ) und der in den Siebzigern mit seinen “Traurigen Tropen” die Lehrer und Philosophen und Anthropologen und Studenten geradezu in den Dschungel trieb.

Und der letzte Satz der “Traurigen Tropen” ist der längste Satz, den ich je gelesen habe, fast auswendig kann und auf einer einsamen Insel ohne qype und sonstige Ablenkungen als Mantra laut vor mich hersagen würde und der so ziemlich alles beinhaltet, was noch zu sagen wäre, lautet so:

“Sowenig das Individuum in der Gruppe und eine Gesellschaft unter den anderen allein ist, sowenig auch ist der Mensch allein im Universum. Wenn der Regenbogen der menschlichen Kulturen endlich im Abgrund unserer Wut versunken sein wird, dann wird – solange wir bestehen und solange es eine Welt gibt – jener feine Bogen bleiben, der uns mit dem Unzugänglichen verbindet, und uns den Weg zeigen, der aus der Sklaverei herausführt und dessen Betrachtung dem Menschen, auch wenn er ihn nicht einschlägt, die einzige Gnade verschafft, der er würdig zu werden vermag: nämlich den Marsch zu unterbrechen, den Impuls zu zügeln, der ihn dazu drängt, die klaffenden Risse in der Mauer der Notwendigkeit einen nach dem anderen zuzustopfen und damit sein Werk in demselben Augenblick zu vollenden, da er sein Gefängnis zuschließt; jene Gnade,nach der jede Gesellschaft begehrt, wie immer ihre religiösen Vorstellungen, ihr politisches System und ihr kulturelles Nievau beschaffen sein mögen; jene Gnade, in die sie ihre Muße, ihr Vergnügen, ihre Ruhe und ihre Freiheit setzt; jene lebenswichtige Chance, sich zu entspannen, loszulösen, das heißt die Chance, die darin besteht, in den kurzen Augenblicken, in denen es die menschliche Gattung erträgt, ihr bienenfleißiges Treiben zu unterbrechen, das Wesen dessen zu erfassen, was sie war und immer noch immer ist, diesseits des Denkens und jenseits der Gesellschaft: zum Beispiel bei der Betrachtung eines Minerals, das schöner ist als alle unsere Werke; im Duft einer Lilie, die weiser ist als unsere Bücher; oder in dem Blick – schwer von Geduld, Heiterkeit und gegenseitigem Verzeihen -, den ein unwillkürliches Einverständnis zuweilen auszutauschen gestattet mit einer Katze.”

(Claude Lévi-Strauss, TRAURIGE TROPEN, Originalausgabe 1955, deutsch 1978)

Ich denke, dass der Philosoph, Ethnologe, Anthropologe und Denker Lévi-Strauss, der mit dem Erfinder euer aller Beinbekleidung nicht verwechselt werden sollte, zum 100ten Geburtstag verdient hat, dass ihm auch ein Beitrag auf qype gewidmet wird und ich wollte ihn wirklich nicht in´s Museum für Völkerkunde stecken, denn da gehört er nicht hin.

Er hat unter anderen die Mato Grosso Region bereits und dort mit den Bororo Freundschaft geschlossen und ihre Sprache und ihre Bräuche, ihre Heiratsriten studiert und mit seinen Studien und Büchern dazu beigetragen, dass mit der überheblichen und kolonialistisch geprägte Betrachtung der unterentwickelten kulturlosen “Wilden”, also der Grundlage des allfälligen Rassismus ein wenig aufgeräumt wurde.

Und jetzt ist er verstorben in seinem 100ten Jahr.

Advertisements